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Naschmarkt
Kriegsverwandlungsritual
Veronika Schenter
07.05.2009

Er bat mich, mit mir ein Ritual zu gestalten, um den damals grausam umgekommenen Menschen eine Würdigung ihrer Lebens und Sterbens zu schenken. Im Wissen und Erfahren, dass unvermittelt und brutal aus dem Leben gerissene Seelen lange an bestimmten Plätzen gebunden bleiben können. Solange bis ihnen eine mitfühlende Würdigung, Achtsamkeit, Aufmerksamkeit auf ihr Sein, ein Hinschaun und Anteil nehmen ihrer Situation, eine vollständige Reise in andere Dimensionen möglich macht.

Ein Ritual, das eine Wandlung anbietet, um aus dem Erstarren, dem Schock, dem unsäglichen Schmerz und der Verzweiflung, der Ohnmacht, dem würdelosen Umgehen mit Menschenleben und Tod -hinführt - in eine Kraft des Neubeginns. Des Heilseins. Des Eins-Seins. Einer tief empfunden und gespürten Würde gegenüber dem Leben und dem Tod jedes Menschen!

Er führt mich an die Plätze, wo er aus historischer und intuitiver Sicht die Schlachtfelder und Massengräber vermutet. Schon am ersten Platz, ein Waldstück neben der A 1, seh ich mit der vertiefenden Wahrnehmung energetisch unzählige Menschenkörper liegen, verwundet, sterbend, tot. Ich hab den Impuls Blumen zu pflanzen - um dem sinnlosen, brutalen Sterben dieser Menschen eine letzte Würde zu geben. Ein Lied zu singen. Ihnen einen inneren Dank auszusprechen für das, was sie in diese Welt gebracht haben. Um Verzeihung zu bitten für ein System, das Krieg, Folter, Mord, Grausamkeiten als Teil der Selbsterhaltung braucht und fordert. Und meinen Beitrag zu geben für den Wandel in eine Welt, in der Menschenleben gewürdigt wird - vom ersten Atemzug bis zum selbstbestimmten letzten Atemzug.

Wir sind 9 Frauen und Männer - im Kreis stehend - auf der Waldlichtung, von der Holle, Hollersträuchern, umgeben. Wie gehalten in den Armen der Urkraft des ewig Urweiblich-zyklischen, eingebettet in die Weisheit und Liebeskraft der 3 gestaltigen Göttin. Wir würdigen mit unserem Mitgefühl, unserer Berührtheit und der symbolischen Handlung des Blumen pflanzens die Menschen, die hier unter grausamen Umständen ihr Leben lassen mußten. Wir stärken unsere Mitte mit der Kraft der Erde, der Kraft des Kreises - im Wissen, dass UNSER Ritual ein Beitrag zur Heilung des verletzten Gewebes der Welt sein kann.

Bevor wir den Platz verlassen, spür ich nochmals hin. Es ist, als ob etwas leichter geworden wäre. Als würde anfangen, sich ein Segen und Frieden über dieses Waldstück zu legen.

Wir reden darüber, was jede/r einzelne von uns beitragen kann, dass wir ein System mitgestalten, wo es kein Wort für Krieg mehr gibt. Wo Lebensqualität Schaffendes und Erhaltendes im Zentrum der Gesellschaft steht. Wo Konfliktfähigkeit ein immer wieder wertschätzendes Miteinander ermöglicht. Dort, wo wir anfangen uns selber zu verleugnen, dem System MEHR zu gehorchen als unserer inneren Stimme, ist der Same für Hass und Brutalität wieder neu gesäat.

Die eigene Einzigartigkeit zu entdecken und dies in die Vielfalt des Ganzen einzubringen, zur Freude und Bereicherung von allen, ist ein Schritt in eine Welt voller Lebensqualität und immer feiner werdenden Wandlungsräumen.

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Immer wieder hör ich den Satz "Kriege gabs immer und wird es immer geben". Das ist einfach falsch. Aus der Archäologie und Matriarachtsforschung ist inzwischen bewiesen, dass die ältesten Städte, zb. Catal Höyük, in der Türkei, 7000 v. Chr., keine Befestigungsanlagen hatten. Daraus ist der Schluss zu ziehen, dass es keine Kriege gab.

Kriege entstehen dort, wo Gewalt über Kommunikation gestellt wird. Kriege gibt es nur in patriarchalen Systemen. Wo Gewalt als Machterhalt und Ausdehnung als Mittel toleriert und sogar verherrlicht wird. Ich konnte schon in der Schule nie verstehen, warum der Geschichtsunterricht hauptsächlich eine Aneinanderreihung von Kriegshandlungen, deren Niederlagen und "Erfolgen" war! Und warum die Sieger Helden waren. Und die Frauen dabei nichts zu sagen hatten, ausser ein paar Ausnahmen.

Kürzlich sagte eine Geschichtsprofessorin zu mir gesagt: "Ab dem Zeitpunkt, wo Frauen in unserer Gesellschaft wieder großräumig gestaltend eingreifen, wenn weibliches Wissen wieder Lebensgrundlage ist, wird die Geschichte völlig umgeschrieben werden: es werden die Heldentaten von Frauen weitererzählt werden. Heldentaten, die sich NICHT auf Mord und Raubzügen aufbaun, sondern am Wert der Vielfalt und Lebensfreude, der Kreativität und Weisheit, der Ehrung des Körpers, der Natur, der Seele, des Erfindungsgeistes - der Zyklen und alles Lebendigen in einer Gesellschaft - erfreuen!"

Ich spüre, dass wir schon mitten in diesem Umbruch drinnenstehen. Und jedesmal, wenn eine Frau IHRE persönliche Geschichte erzählt, und Frauen und Männer hinhören voll Staunen und Wertschätzung, ist ein weiterer mächtiger bunter Lebensfülle-Faden in unsere neue Welt eingewebt!

Siehe auch das Theaterstück "Cover-girl", im Mai im Kosmostheater, Wien

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