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Naschmarkt
Stopfen befreit
Veronika Lamprecht
01.12.2012

Da sitze ich wieder mal und stopfe. Diesemal meine geblümte dicke Strumpfhose. Hab sie letztes Jahr bei GEA gekauft, faire Baumwolle und so. Ich mag sie, sie ist bequem, schön, witzig. Und ich weiß, dass ich keine (oder sehr wahrscheinlich keine) giftigen Chemikalien auf der Haut hab. Und dass die Strickerin dafür fair bezahlt wurde. Sie war teuer. Darum stopfe ich sie. Wenn ich weniger
kaufen will, brauch ich weniger Geld, muss weniger verdienen und kann mehr dem Rhythmus
meines Lebens mit all seinen Freuden folgen. Das nenn ich Freiheit. Jeha!

Ich erinnere mich, als ich Kind war, wie meine Mama gestopft hat. Meine Oma hat sogar ihre Nylonstrümpfe gestopft! Damals hab ich mich geschämt, dass ich "die-waren-kaputt" Socken und Strümpfe tragen musste. Nur arme Leute taten das. Und wir waren arm, sehr arm. An meinen Flickmustern konnten das alle MitschülerInnen sehen.

Als junge Erwachsene hab ich meine Mama und Oma belächelt und milde gesagt „Geh Mama, das brauchst nicht stopfen, kauf dir was Neues!"
Und da sitze ich jetzt, hab selber erwachsenen Kindern und stopfe. Hoffentlich sehen sie mich nicht.
Nein.
Ich spüre, ich bin stolz auf meine Flickmuster an den Zehenspitzen! Ich kann das, Faden für Faden webe ich Unabhängigkeit, Eigenmächtigkeit ein. Ich kann heute wählen zwischen kaufen und stopfen. Gewählt hab ich das, bei dem ich mehr Freiheit empfinde. Freiheit für mich und die gesamte Produktions-Menschenkette.
Ich werde meine Kinder zu Weihnachten fragen, ob sie stopfen lernen wollen.

 

 

Kommentare
Monika Krampl  
02.12.2012

Liebe Veronika,

ich habe heute in einem Text auch über Unabhängigkeit, Selbstbewusstsein und Selbstverantwortung geschrieben.

Die „Eigenmächtigkeit“ hätte ich auch noch erwähnen können, von der du in deinem Text schreibst! Es passt alles zusammen! So, wie wir auch Fäden beim Stopfen wieder zusammen führen. Ausnehmend gut gefallen mir deine Worte: „Ich kann das, Faden für Faden webe ich Unabhängigkeit, Eigenmächtigkeit ein. Ich kann heute wählen zwischen kaufen und stopfen. Gewählt hab ich das, bei dem ich mehr Freiheit empfinde.“ Und – ich kann das alles gut nachvollziehen. An kalten Wintertagen bin ich mit meiner Großmutter in der warmen Stube neben dem bullernden Sägespäne-Ofen gesessen und wir haben Socken und Strümpfe gestopft. Ich war sehr stolz darauf, weil ich es so gut konnte! Es war schön, die Stille und das gemeinsame Tun zu genießen, die Hände bewegen sich und es entsteht etwas Neues „unter den Fingern“! Bei vielen ruhigen Tätigkeiten damals lernte ich die Freude an der Konzentriertheit des Tuns und an der Stille. Später habe ich mich auch geschämt und wollte das nicht mehr. Habe auch von „Kaufen“ gesprochen, wenn meine Großmutter mich leise auf die Möglichkeit des Stopfens hingewiesen hat. Damals hab’ ich sie nicht gehört – heute höre ich sie! Und ich bin ihr dankbar, dass ich es lernen durfte. Liebe Veronika, darf ich deinen Text auf meiner fb-Seite veröffentlichen? Herzliche - ruhig winterliche Grüße Monika

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