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Naschmarkt
Wintersonnwende-am dunkelsten Punkt
Veronika Schenter
18.12.2008

Gestern abend genoß ich ein "Literarisches Quartett", mit Büchern voll Zukunftsperspektiven. Ein noch unveröffentliches Buch über die "bösen" triebhaften Kräfte der Menschen - "Wolfsgeschichte" - löste nachhaltige Diskussionen aus, die ich in einer Bar mit dem Autor noch fortsetzte.

Nächsten morgen hatte ich im Posteingang folgenden offenen Brief: ein Mann wird um 2 Uhr mittags in der U 4 zusammengeschlagen - und NIEMAND reagiert!! Ich bin zutiefst betroffen: ich dachte bisher, das gibt es nur in Amerika.....

Ich erinnere mich, als ich vor ein paar Wochen wild und überlegt kraftvoll eingeschritten bin, als - ebenfalls an einer U Bahn Station, ein Mann mit seiner Freundin/Frau wiederholt grob umging. Ich zitterte an ganzen Körper, die Frau weinte, der Mann machte sich ganz klein, ich bot meine Hilfe an. Und ermutige die Frau eindringlich.
Ich weiß nicht, wie die Geschichte mit den beiden weitergegangen ist. Ich weiß nur, diese meine Wildheit hier STOPP zu sagen, mich einzumischen, war von einer Urkraft, die das Leben liebt, getragen. Ich hoffe und wünsche mir und arbeite darin, dass DIESE Kraft immer stärker mein Sein und Leben durchdringt. Und ich wünsche mir, dass mich dabei viele Menschen mit ihren eigenen gewaltigen Trieben - Instinkten - begleiten!

Das ist auch WINTERSONNWENDE für mich: ich erlaube meinen dunkelsten mächtigsten Kräften ans Licht zu kommen!!!!!

-------- Original-Nachricht --------
Betreff: [ANAR.wien] Offener Brief an die U - Bahn Mitfahrenden heute
Mittag um zwei
Datum: Thu, 18 Dec 2008 10:36:42 +0100
Von: ..Andreas Goerg <andreas@no-racism.net>
Antwort an: andreas@no-racism.net
An: ANAR.wien <anar.wien@no-racism.net>


17.12.2008

Offener Brief an die U - Bahn Mitfahrenden heute Mittag um zwei.


Da sassen sie also in der U4 heute Mittag um zwei und es war bei der
Station Kettenbrückengasse.

Und da sehen sie wie vier Männer beginnen auf einen einzelnen Mann
einzuprügeln.
Sie sehen wie die vier Männer den einen Mann bei der Station Stadtpark
aus dem Waggon zerren wollen. - was ihnen nicht gelingt.
Sie sitzen also drei Stationen lang in einem U-Bahn Wagen und tun - nichts.
Einer schlug übrigens mit einem Stock zu, haben sie das gesehen?
Doch eine Frau tat was, die Frau mit dem Kinderwagen beschimpfte den
verprügelten Mann, wie er so etwas machen kann, in der U-Bahn vor allen
Leuten.
Haben sie die gehört?

Was ging ihnen durch den Kopf in den fünf Minuten die es gedauert hat?
Haben sie aus dem Fenster geschaut, in die Zeitung geglotzt, die Augen
zugemacht?
Was haben sie sich in den fünf Minuten gedacht?

Er wird es schon verdient haben?
Lieber nicht einmischen?
Da wird schon was dran sein?

 Verdammt.

Der Mann, dem das heute passiert ist, ist schwarz.
Hat seine Hautfarbe etwas mit ihrem Blick zum Boden zu tun?

Ich spucke auf jeden von ihnen gespendeten Cent, wenn sie sich in so
einer Situation, in der ein Mensch in Not ist und dem Gewalt angetan
wird, abwenden.
Und verdammt, sie hätten viel tun können.
Es beginnt bei lautem Schreien bis zum verständigen der Polizei -
dazwischen eine Palette von Interventionsmöglichkeiten.

Der Mann, dem das heute passiert ist, ist schwarz.
Er ist Italiener, Vater von zwei Kindern, Ehemann, EDV Spezialist in
einer großen Firma, seit fünfzehn Jahren in Österreich.

Hätten diese Informationen etwas an ihrem Verhalten geändert wenn
sie die im Vorfeld gehabt hätten?

Ja?
Nein?

Scheißegal!

Wann greifen sie ein?
Welche Voraussetzungen braucht es für sie?

Wenn das Messer schon drinnen steckt?
Wie stark muss der Mann bluten?
Wenn sie sein Leumundszeugnis gesehen haben?
Wenn er eine andere Hautfarbe hat?
Wie stark muss der Mann bluten?

Vier Männer umringen aus dem Nichts heraus einen Mann in der U Bahn und
beginnen auf ihn einzuprügeln.
Das reicht, das sehen sie, sie sind ZeugIn.


Ich fordere die ZeugInnen dieser Gewalttat, und alle zukünftigen
ZeugInnen solcher Gewalttaten, auf sich einzumischen und hinzuschauen.
Ich erwarte kein Heldentum, ich erwarte Zivilcourage - von ihnen!


Angela Magenheimer


nachdem offene Briefe nur offen und öffentlich sind wenn sie verbreitet
werden - bitte ich um selbiges.




_______________________________________________
ANAR.wien mailing list
ANAR.wien@no-racism.net
http://mailman.no-racism.net/mailman/listinfo/anar.wien

Meine Erkenntnisse nach der Diskussion über die „Wolfsgeschichte" von Reinhard, vorgestellt im „Literarisches Quartett" am 17. Dez. 2008/Wien:

Wie weit haben wir unser Triebhaftes abgelehnt, verleugnet, zerstückelt, zerstört? Um dadurch „menschlicher" zu werden???

Sobald wir das Triebhafte ablehnen, regiert die Angst und Menschlichkeit ist gar nicht mehr möglich. In solchen wie oben beschriebenen Situationen braucht es die Wildheit JEDES und JEDER von uns, den Urinstinkt, das Animalische, das sich erhebt und aufbäumt um einer anderen Wildheit zu begegnen. Um Menschen und ihre Würde zu schützen.

Es braucht eine INTEGRIERTE Triebhaftigkeit, die aufersteht, sobald die Welt, mein Umfeld, ich selber, es brauche. Solange die Triebhaftigkeit außerhalb von mir - weil abgelehnt ist, zeigt sie sich genau so: im außen – als rohe Gewalt, die Menschen brutal erniedrigt, Seelen ermordet. Sie dient als Nahrung für gierige Machtgefühlen einzelner, die auch im tiefsten Inneren aus Angst zuschlagen. Sie dient nicht dem Leben und seiner Vielfalt, sondern Machtinteressen einzelner.

Stärker als diese Kraft ist nur die INTEGRIERTE Wildheit jedes/jeder einzelnen.

Wie lange warten wir noch? Wie lange bleiben wir noch in der Ohnmacht? Wann übernehmen wir die Eigenverantwortung für all unsere Kräfte? Bis wir selber dran sind? Oder unsere Kinder???

Wir brauchen eine Menschlichkeit voller Triebhaftigkeit. Integriert als Kraft, die all unserem Tun als Urquelle, als Basiskraft zur Verfügung steht. Das ein Leben in Würde, Freiheit, Lust und Freude – ANTREIBT - und zum SCHUTZ und zur VERTEIDUNG dessen!

Buchtipp: Die Wolfsfrau; die Kraft der weiblichen Urinstinkte von Clarissa Pinkola Estès

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